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Quelle der Erinnerungen

Das andere Duell

Viehtransport


Ich bin ein Schwein.
Ich bin ein Schwein in einem Viehtransporter. Eingeengt steh ich an der Wand und bin von meinen umgebenen Gedanken eingepfercht. Es ist abartig stickig von drohender Enttäuschung, und in der Luft liegt die Schwere meines kleinen Seins. Durch einen schmalen Spalt kann ich die Landschaft draußen vorbeirasen sehen. Wohin führt der Weg? Was wird mit mir geschehen? Ich werde gedrückt von all den anderen Schweinen - meinen Gedanken. Es sind die an dich. Sie drücken mich - an die Wand. Sie zerdrücken die Rippen meiner Geduld, zerquetschen meinen Glauben an uns und lassen mir kaum Luft zum Atmen. Aber du nährst mich, wirfst mir immer wieder schöne Worte hin - einen Schweinefraß aus Hoffnungen und Versprechungen. Und ich verschlinge sie ausgehungert.
Du fährst diesen Transporter. Sitzt am Steuer und fährst mich hoffentlich an einen schönen Ort, irgendeine friedvolle Farm, auf der wir glücklich werden können. Wir fahren und fahren - immer weiter. Die Enge, das Gedrängel meiner Gedanken wird immer penetranter. Es ist so heiß von all der Heuchelei, die deine feurigen Augen zum Vorschein brachten. Stickig und schweißgetränkt vermodert der lügenverseuchte Boden unter mir. Und all die Vorwürfe kreisen um mein Gesicht wie gierige Fliegen. Ich schlackere mit den Ohren, um sie abzuwimmeln und lenke meine Gedanken mit der Sicht nach Draußen ab. Halte den Kopf hoch und ignoriere den Gestank von aufkommender unerfüllter Liebe. Immer mehr Gedanken verenden langsam um mich herum und schlagen sich gegenseitig aus dem Kopf. Und das alles vor ihrer eigentlichen Ankunft. Es wird beängstigend und unaufhaltsam. Wie lange noch? Wann sind wir da? Es ist so lange her, als ich dich das letzte Mal gesehen habe. Das war, als du mich hier hereingeführt hast. Und ich war so aufgeregt. Die große Fahrt, wo wird sie hinführen?
Nach nicht nennbarer endlosen und elenden Zeit kommt der Wagen zum Stehen. Es quiekt und kreischt im ganzen Raum. Panikartig drängeln sich alle vor zur Tür. Manche Gedanken werden rücksichtslos zertrampelt. Vor allem die, die sich zu voreilig schlecht benommen haben. Die sind nun vergessen und bleiben ohne Fürsorge liegen. Jetzt sehe ich dich gleich wieder. Jeden Moment wird es soweit sein. Mit letzten Kräften bringe ich ein Lächeln über die Lippen. Die Türlade öffnet sich. Da stehst du. Grell im Licht…Du blendest mich. Ich drängel mich durch die Gedanken, laufe zu dir. Du lässt mich und all die anderen frei. Draußen ist alles voll Sonne. Es ist hell und warm. Frische Luft. Ich schaue mich um. Etwas weiter weg, du bist schon vorausgegangen, wartest du auf mich. Freudestrahlend laufe ich dir entgegen. Ich komme dir näher und sehe, dass du eine Schürze trägst. Aber meine überschwängliche Freude und meine Aufregung schenken ihr keine weitere Beachtung.
Ich laufe dir in die Arme. Endlich darf ich glücklich sein.

Du breitest die Arme nicht aus, weil du sie mit einem Beil haltend hinter deinem Rücken versteckst.





Euer Senf dazu

19 Kommentare

15.07.2011 kariologiker
Eine drastische Ansicht. Neigen Frauen gelegentlich dazu, der Polemik jeden Raum zu geben, den Polemik per se beansprucht, so neige ich in der Bildsprache dieses Werkes dazu eine tiefe Emotion zu erleben, die die Autorin sehr glaubhaft in diesem Text transportiert. Da in der Übertreibung eine Wurst erst zur Gourmetfreude wird, muss man sich also erst so seine Gedanken machen, darauf einlassen, was uns de Autorin an Bildern liefert und dann diese aussortieren, die m.E. ein bisschen den Bogen überspannen. Vielleicht ist es der Sport, der eine Fülle an mentalen Erweiteren ausschüttet und die Autorin zu solchen Bildern oder bildhaften Umschreibungen ihres Liebesunglück führt. Vielleicht. Denn leicht ist ihre Kost nicht nicht. Aber auch nicht neu, nur anders und das ist überraschend gut.

15.07.2011 gunda
Ich mache... es mal kurz: Interessant und einfach gut geschriebene Texte, die du hier präsentierst, Spiesi. Man merkt ihnen an, dass du sie durchdacht und auch an den Formulierungen gearbeitet hast. So etwas gefällt mir. Ich bin heute erst über deine Texte gestolpert - und bereits der erste animierte mich dazu, mich durch die anderen hindurch zu wühlen. [...] deine Texte sind mit Sicherheit eine Bereicherung. Lieben Gruß Gunda

15.07.2011 maria
das schwein geht mir nicht aus dem kopf. denke die ganze zeit über deine tolle geschichte nach, welche wunderbar treffenden bilder du benutzt, wie gut du ängste, hoffnungen und all die anderen gefühle einfangen kannst. ich fühl mich so sehr wie das schwein...ganz anders als ute denke ich überhaupt nicht an fleisch oder viehtransport oder tierschutz dabei. kriege auch keine tränen in den augen. stattdessen frage ich mich immer wieder, ob ich bereits geschlachtet wurde - denn dann müsste doch alles vorbei sein und dürfte auch nicht mehr weh tun. oder ist man immer noch im transporter drin und das schlachten kommt noch? wie siehst du das? lg maria p.s. finde es RICHTIG TOLL, dass du deine geschichten und gedichte hier veröffentlicht hast. hab mich auch sehr über die neuen gefreut. bitte mach weiter - du bist SO GUT! und es tut mir richtig gut, deine sachen zu lesen.

15.07.2011 ute
Ich habe immer wahnsinnige Angst vor solchen Texten. sie tun so unheimlich weh. Und doch bin ich kein Vegetarier. Tränen habe ich schon in den Augen, ob es nun um das Schwein ist, oder weil ich zwar kein Schlachter bin, aber doch Nutznießer des ganzen.

15.07.2011 kickfighter
Hallo Spiesi, ich habe gerade Deine Kurzgeschichte Viehtransport gelesen. Es ist eine spannende undauch melancholische Geschichte. Hat mir sehr gut gefallen. Dein flüssiger und versierter Schreibstil begeistert mich immer wieder.

15.07.2011 spottdrossel
Habe ich bis jetzt - zum Glück - nicht selbst miterlebt. Aber ich kann mir vorstellen , dass es sich so anfühlt. Sehr gut geschrieben!

15.07.2011 gittarina
ein für mich literarisch gelungener Text, der einer knallharten und drastischen Metapher entspricht - nicht schön - aber sehr wohl nachvollziehbar! Gitta

15.07.2011 szirra
ein makabrer Vergleich, aber so grausam und brutal kann einer Liebe das Ende gesetzt werden.

15.07.2011 wolsherzkoeln
nur zu wahr (leider)...auch wenn der vergleich manchem nicht schmecken möge, so kann ich nur sagen: es ist verdammt viel an der sache drann...davon abgesehen, ist der text vom rein literarischen m.E. sehr gelungen!

15.07.2011 concortin
eine albtraumhafte Geschcihte, quälende Metapher wird zur Realirät, Realität zur Metapher

15.07.2011 maggie
Sorry, ich kann mich den begeisterten Kommentaren nicht anschließen. Man mag ja gedanklich an einer gescheiterten Beziehung festhalten und sich in wehmütigen Erinnerungen und triefendem Selbstmitleid suhlen. Alles in Ordnung. Aber das mit einem tierquälerischen Viehtransport und dem allerletzten Gang - nämlich dem zum Schlachter - zu vergleichen heißt, das Leid und die Qual der Tiere für billige Polemik zu mißbrauchen.

15.07.2011 hanna
Gefühle...lassen sich so wahnsinnig velfältig beschreiben. Es auf eine derart bildhafte Art zu machen, finde ich sehr gekonnt, es stimmt einfach alles. Meinen Respekt! Hanna P.S. Ob daher auch das zitat stammt: Perlen vor die Säue werfen ? :-) das wird uns sicher nur der Prinz im weißen Gewand beantworten können, dessen Gaul schon vorher den Emotionen erlegen ist.

15.07.2011 lillekat
Schon an anderer Stelle gelesen :-) Ich finde, dass der Text wirklich gut geschrieben ist und tief ins Herz geht. Liebe Grüße, lille

15.07.2011 raskal
Allegorie oder Metapher fielen mir bei diesem hervorragenden Text ein. Bin gleichermaßen entsetzt wie begeistert. Schockiert und stimmt sehr nachdenklich.Liebe Grüße raskal

15.07.2011 nooshin
Traurig aber leider wahr. Lg Nooshin

15.07.2011 robustus
Ein ueberraschender Schluss, der mehr als eine Gaensehaut erzeugt. Aber gut geschrieben.

15.07.2011 gottlieb
...was meinst Du mit zu erläuternd? Weniger ist..mehr?.(spiesi) ja, könnte man so sagen. Ich schreib mal kurz, worüber ich gestolpert bin: ...abartig stickig von drohender Enttäuschung... ...die Rippen meiner Geduld ...stickig schweißgetränkt vermodert der lügenverseuchte Boden ...die Vorwürfe kreisen wie gierige Fliegen ...der Gestank von aufkommender unerfüllter Liebe. Das klingt in meinen Ohren zu sehr bemüht. Die Metaphern versuchen sich immer mehr zu toppen, aber ich finde das funktioniert nicht richtig, weil der Erzählduktus gleichförmig bleibt. Ich würde einige Adjektive streichen und das Ganze lakonisch erzählen, dann kommt Grusel auf. Die vielen Adjektive wirken so, als wolltest Du dem Leser erläuternd verständlich machen, wie schlimm die Befindlichkeit der Protagonistin ist. Du solltest aber stattdessen die Geschichte so erzählen, dass sich diese Wirkung beim Leser von selbst einstellt, nebenbei, wie ohne Absicht. Starke Emotion funktioniert dann am besten, wenn sie mit lapidaren Worten erzählt daherkommt. Je cooler der Autor mit Understatement das Unerhörte einfach runtererzählt, um so stärker wird der Leser berührt. Die genaue Beschreibung von Gefühlen beim Protagonisten ermüdet den Leser und er wird diese bestenfalls fleißig in Gedanken nachzubilden versuchen. Das Kalkül des Autors sollte anders herum sein. Nämlich mit emotionalem Minimalaufwand maximale Emotion beim Leser zu erzeugen.[...]Akzeptieren brauchst Du es ja nur äußerlich. Denn was brächte es, jemandem der Erklärungsbedarf hat, verständlich zu machen, dass es sich nicht um einen Tiertransport handelt? Wie verliefe das Gespräch, nachdem er dieses verstanden hat? Würde so jemand literarische Ratschläge geben können?

15.07.2011 helga
Die Vergleiche sind drastisch und nicht jedermans Geschmack aber es dürfte doch klar sein... natürlich geht es Dir nicht um den Viehtransport mit anschließender Schlachtung... auch ich mag Methaphern. Es geht um die Gedanken, die so hoffnungsvoll sich um eine große Liebe drehen, die alles in Kauf nehmen, um endlich die Erfüllung genießen zu dürfen und wie so oft im Leben trügt der Schein. Man wähnt sich in Freiheit, im Glück und dem Ziel ganz nahe, dann kommt der Nackenschlag und aus ist es. Würde man statt der gefühlsbeladenen Gedanken noch ein wenig Vernunft zur Verfügung haben, hätte man vielleicht eine Chance, dem Desaster zu entgehen. Das verliebte Schwein kann mit Vernunft in dem Zustand kaum aufwarten, so wird es halt geschlachtet. Ich fürchte den Menschen ergeht es ähnlich. Lg von Helga Ich würde an dem Text nicht unbedingt rumverbessern, bloß weil der eine oder andere anders formuliert oder die Methaphern nicht verstehen kann oder will. Ich mag Texte, die sich etwas abheben und drastisch werden. Schließlich geht es um lebhafte Gefühle, die auch ziemlich zerstörerisch wirken können. Du wirst es nie allen Recht machen können, die Deinen Text lesen. Deutungen nach verschiedenen Denkmustern finde ich übrigens immer interessant, ja auch erstrebenswert. Es sei denn, Du willst unbedingt nur eine Botschaft rüberbringen.

15.07.2011 gottlieb
Ich finde die metapherhaften Beschreibungen nicht ganz geglückt. Die ersten beiden Sätze in Deinem Text schlagen drastisch zu. Dann wird es mir zu erläuternd, erklärend. Es ist m.E. kein schlüssiges Bild, wenn sich die Protagonistin selbst als Schwein in einem Viehtransport bezeichnet, die von eigenen Gedanken gleichsam wie von anderen Schweinen bedrängt wird.