Am Grab meiner Ängste
Den Spaten in der Hand hebe ich nun die Erde aus – endgültig. Jetzt ist genug, sage ich mir. Die Wut führt meine Hand, und ich setz den ersten Hieb in den Boden. Er ist hart. Aber ich bin es diesmal auch. Ich will sie endlich beerdigen. Ich hab genug von ihr. Aufgebracht schaufle ich das Loch. Wie tief muss es sein? Wie groß ist denn meine Angst? Ich halte inne. Darüber hatte ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Es dauert nicht lang, und das Graben erschöpft mich. Ich muss weitermachen, größer muss es sein, tiefer muss ich graben.
Meine Ängste- es sind so viele, sie sind zu groß. Ich grabe weiter und tiefer – immer mehr und immer schneller. Ich will sie endlich loswerden. Kräfte zehrend lass ich hinter mir einen Berg von Erde. Schweißgetränkte Wut, erschöpfter Hass- steh ich nun vor der großen Grube. Lass den Spaten in Tränen zusammenbrechend fallen und sehe vor mir ein baldiges Massengrab. Ich reiße mich zusammen, bring den letzten Willen auf und stoße all meine zusammengeschnürten Ängste hinein. Zuerst die Angst vor deiner möglichen unerwiderten Liebe, dann die Angst, dir zu nahe zu sein (Die beiden konnten sich sowieso noch nie richtig leiden). Ich kann noch die Angst, verletzt zu werden finden, und die Angst, dass wir uns verlieren, noch bevor wir uns gefunden haben. Und dann sind da noch die Angst, dass ich dir nicht genügen könnte und die Angst, enttäuscht zu werden oder auch selbst zu enttäuschen. Und dann noch. . . es sind einfach zu viele. Wieder bei Sinnen, nehme ich den Spaten in die Hand und schütte das Grab zu. Es muss schnell gehen, damit keine einzige dieser Befürchtungen die Gunst der Stunde meines kurzen Zögerns ausnutzen und wieder herausklettern kann.
Das Grab ist bedeckt. Ich bin erschöpft, aber dennoch beruhigt und zufrieden.
Jetzt kann ich zu dir gehen.
Und mit einem Lächeln im Gesicht mach ich mich auf den Weg.
Der Gedanke begleitet mich ein Stück, dass ich möglicherweise meine Ängste von Zeit zu Zeit am Grab besuchen werde, um ihnen Blumen zu bringen.
Euer Senf dazu
1 Kommentar
15.07.2011
marion
richtig gut. Dann hoffen wir, dass die Ängste auch wirklich nicht wieder herauskommen. Liebe Grüße Marion
